Praktikum finden: Der komplette Guide für Studierende
Warum ein Praktikum mehr ist als eine Pflichtübung
Als ich im dritten Semester war, habe ich Praktikum als lästige Pflicht gesehen. Was muss halt gemacht werden, steht so in der Prüfungsordnung, also los. Ich habe mich auf drei Stellen beworben, die erste Zusage genommen und fertig.
Rückblickend war das ein Fehler. Nicht weil das Praktikum schlecht war. Aber weil ich mich nicht gefragt habe, was ich eigentlich daraus mitnehmen will. Ein Kommilitone von mir hat sich dagegen richtig Mühe gegeben, gezielt nach Unternehmen gesucht, die zu seinen Interessen passen. Sein Praktikum hat ihm einen Werkstudentenjob gebracht, und der hat ihm nach dem Studium die Tür zum Berufseinstieg geöffnet.
Seitdem empfehle ich jedem: Nimm dir für die Praktikumssuche Zeit. Es lohnt sich.
Pflichtpraktikum vs. freiwilliges Praktikum: Die Unterschiede
Bevor du loslegst, solltest du verstehen, in welcher Kategorie dein Praktikum fällt. Denn rechtlich macht das einen großen Unterschied.
| Kriterium | Pflichtpraktikum | Freiwilliges Praktikum |
|---|---|---|
| Voraussetzung | Steht in deiner Prüfungsordnung | Eigeninitiative, kein Muss |
| Mindestlohn | Kein Anspruch, egal wie lange | Ab 3 Monaten: Mindestlohn (12,82 Euro/h in 2026) |
| Urlaubsanspruch | Kein gesetzlicher Anspruch | Ab 3 Monaten: gesetzlicher Urlaubsanspruch |
| Sozialversicherung | Befreit (Studentenstatus bleibt) | Ab 3 Monaten: sozialversicherungspflichtig |
| Kündigungsschutz | Gering | Nach 6 Monaten regulärer Schutz |
| Arbeitszeugnis | Pflicht | Pflicht |
Was viele Kommilitonen nicht wissen: Freiwillige Praktika unter drei Monaten sind vom Mindestlohn komplett ausgenommen. Manche Unternehmen nutzen das bewusst aus. Ich habe von Leuten gehört, die sechs Wochen Vollzeit für 200 Euro im Monat gearbeitet haben. Legal? Ja. Fair? Eher nicht. Verhandeln lohnt sich trotzdem immer.
Praktikum finden: Die 4 besten Strategien
1. Initiativbewerbung: Der Weg, den die wenigsten gehen
Das hat mich ehrlich gesagt am meisten überrascht, als ich angefangen habe zu recherchieren: Nur etwa 30 Prozent aller Praktikumsstellen werden öffentlich auf Jobbörsen ausgeschrieben. Der Rest wird intern vergeben, über Netzwerke besetzt oder existiert als Stelle erst, wenn sich jemand bewirbt.
Das bedeutet: Wenn du dich nur auf ausgeschriebene Praktika bewirbst, siehst du 70 Prozent des Marktes nicht. Eine gezielte Initiativbewerbung bei einem Unternehmen, das dich interessiert, hat oft bessere Chancen als eine von 200 Bewerbungen auf eine Stellenanzeige.
Wie das geht: Such dir fünf bis zehn Unternehmen, die zu deinen Interessen passen. Finde heraus, wer dort für Praktikanten zuständig ist (LinkedIn hilft). Schreibe eine kurze, individuelle Bewerbung. Erkläre in drei Sätzen, warum genau dieses Unternehmen und was du beitragen kannst. Tipps zum Anschreiben findest du im Bewerbungsschreiben-Ratgeber.
2. Karrieremessen und Hochschul-Events
Jede größere Uni veranstaltet mindestens einmal pro Semester eine Karrieremesse. Der Vorteil: Du sprichst direkt mit Leuten aus den Unternehmen und hinterlässt einen persönlichen Eindruck. Das schlägt jede Online-Bewerbung.
Bereite dir vorher einen kurzen Pitch vor: Wer bist du, was studierst du, was suchst du. 30 Sekunden, nicht mehr. Und nimm Visitenkarten oder zumindest einen fertigen Lebenslauf als PDF auf dem Handy mit.
3. LinkedIn aktiv nutzen
Klingt nach Aufwand, bringt aber echt was. Folge Unternehmen, die dich interessieren. Kommentiere ab und zu einen Beitrag, nicht mit “Toller Post!”, sondern mit einem echten Gedanken. Vernetze dich mit Mitarbeitern. Viele Recruiter suchen aktiv auf LinkedIn nach Praktikanten und Werkstudenten.
4. Die Hochschul-Jobbörse
Fast jede Uni und FH hat eine eigene Jobbörse oder ein Karriereportal. Der große Vorteil: Die Konkurrenz dort ist deutlich kleiner als auf Stepstone oder Indeed, weil viele Studierende diese Portale gar nicht kennen.
Praktikum Bewerbung: Was anders ist als bei einem richtigen Job
Eine Praktikumsbewerbung muss kürzer und direkter sein als eine Bewerbung für eine Festanstellung. Recruiter wissen, dass du noch studierst und wenig Erfahrung hast. Sie erwarten keinen perfekten Lebenslauf. Was sie erwarten:
- Anschreiben: Maximal eine Seite. Warum dieses Unternehmen, warum dieses Praktikum, was bringst du mit. Keine Standardfloskeln
- Lebenslauf: Eine Seite. Relevante Kurse, Uni-Projekte und bisherige Jobs hervorheben. Die PAR-Methode nutzen
- Arbeitsproben: Wenn du welche hast, unbedingt mitschicken. Besonders in kreativen Berufen wie Social Media Management oder Online-Redaktion können Arbeitsproben den Ausschlag geben
- Timing: Bewirb dich drei bis vier Monate vor dem gewünschten Starttermin. Große Unternehmen planen teilweise sechs Monate voraus
Praktikum Gehalt: Was du erwarten kannst
| Art | Typische Vergütung | Anmerkung |
|---|---|---|
| Pflichtpraktikum (Konzern) | 800 bis 1.800 Euro/Monat | Freiwillige Zahlung, kein Rechtsanspruch |
| Pflichtpraktikum (KMU/Startup) | 0 bis 500 Euro/Monat | Oft weniger Budget |
| Freiwillig, unter 3 Monate | 0 bis 1.000 Euro/Monat | Kein Mindestlohn |
| Freiwillig, ab 3 Monate | Mind. 12,82 Euro/h (ca. 2.050 Euro) | Mindestlohn greift |
| Beratung, Pharma, Tech | 1.500 bis 2.500 Euro/Monat | Auch bei Pflichtpraktika oft gut bezahlt |
Praktikum im Ausland: Lohnt sich das?
Ja, wenn du es richtig planst. Ein Auslandspraktikum fällt im Lebenslauf sofort auf und zeigt interkulturelle Kompetenz, Sprachkenntnisse und Eigenständigkeit. Alles Soft Skills, die Arbeitgeber lieben.
Die Finanzierung ist oft einfacher als gedacht. ERASMUS+ fördert Praktika im EU-Ausland mit 480 bis 750 Euro monatlich. Der DAAD hat Programme für fast jedes Land. Und Auslands-BAföG gibt es auch für Praktika, nicht nur fürs Studium.
Die Herausforderung: Die Organisation ist aufwändiger. Visum, Wohnung, Versicherung. Plane sechs Monate Vorlauf ein.
Während des Praktikums: So holst du das Maximum raus
Das Praktikum hast du. Jetzt kommt der Teil, den die meisten unterschätzen: Was du in diesen Wochen oder Monaten draus machst.
- Frag aktiv nach Aufgaben. Warte nicht, bis jemand an deinen Schreibtisch kommt. Wenn du nichts zu tun hast, geh zu deinem Betreuer und sag: “Ich bin durch. Kann ich bei etwas anderem unterstützen?”
- Netzwerke intern. Lerne Leute aus verschiedenen Abteilungen kennen. Die Kontakte, die du im Praktikum knüpfst, können dir Jahre später noch eine Tür öffnen
- Dokumentiere deine Ergebnisse. Notiere dir, was du gemacht hast, welche Ergebnisse du erzielt hast und welches Feedback du bekommen hast. Das brauchst du für deinen Lebenslauf und für das Arbeitszeugnis
- Bitte um Feedback. Mindestens zur Halbzeit und am Ende. Frag konkret: “Was kann ich besser machen?” und “Was lief gut?” Das zeigt Professionalität und gibt dir echte Entwicklungsimpulse
- Frag nach Übernahme. Wenn dir das Unternehmen gefällt, sprich es an. Viele Werkstudenten- und Einstiegsstellen werden intern vergeben, an Leute die man schon kennt
Häufige Fragen (FAQ)
Wie lange sollte ein Praktikum dauern?
Mindestens zwei Monate, ideal sind drei bis sechs Monate. Bei kürzeren Praktika kommst du selten über das Einarbeiten hinaus und bekommst keine verantwortungsvollen Aufgaben.
Kann ich mehrere Praktika machen?
Klar. Zwei bis drei Praktika in verschiedenen Bereichen sind ideal, um dich zu orientieren und verschiedene Branchen kennenzulernen. Mehr als vier Praktika können im Lebenslauf allerdings den Eindruck erwecken, dass du dich nicht entscheiden kannst.
Was verdient man im Praktikum im Studium?
Das hängt von der Art ab. Pflichtpraktika haben keinen Mindestlohnanspruch und zahlen oft 0 bis 500 Euro. Freiwillige Praktika ab drei Monaten müssen den Mindestlohn zahlen, aktuell 12,82 Euro pro Stunde. Manche Branchen wie Beratung oder Tech zahlen freiwillig deutlich mehr.
Brauche ich ein Praktikum, wenn ich schon Werkstudent bin?
Ein fachlich relevanter Werkstudentenjob kann ein Praktikum ersetzen, vor allem wenn du dort über einen längeren Zeitraum arbeitest und Verantwortung übernimmst. Die Kombination aus beidem ist aber ehrlich gesagt der stärkste Lebenslauf, den du haben kannst.
Was wenn mir das Praktikum nicht gefällt?
Durchhalten, wenn es irgendwie geht. Ein abgebrochenes Praktikum im Lebenslauf wirft Fragen auf. Nutze die Zeit, um zu lernen, was du nicht willst. Das ist auch ein wertvolles Ergebnis. Wenn die Situation allerdings wirklich unzumutbar ist, dein Betreuer nicht erreichbar ist oder du keinen Arbeitsschutz hast, dann sprich mit deiner Hochschule.