Die 10 Berufe mit den meisten Quereinsteigern: Wo Branchenfremde wirklich eingestellt werden

Laura Stein Laura Stein · 06. April 2026

Die 10 Berufe mit den meisten Quereinsteigern: Wo Branchenfremde wirklich eingestellt werden

Alle reden über Quereinstieg. Aber kaum jemand zeigt konkret, in welchen Berufen tatsächlich die meisten Quereinsteiger arbeiten. Nicht wo es theoretisch möglich ist, sondern wo es in der Praxis passiert.

Ich habe mir Stellenanzeigen, Branchenberichte und Recruiting-Daten angeschaut. Das Ergebnis ist überraschend: Die Berufe mit dem höchsten Quereinsteiger-Anteil sind nicht unbedingt die, die in den typischen “Quereinsteiger willkommen”-Artikeln stehen.

Das Ranking: Wo arbeiten die meisten Quereinsteiger?

Rang Beruf Geschätzter Quereinsteiger-Anteil Warum so viele Quereinsteiger Einstiegsgehalt
1 Vertrieb / Sales 60 bis 70 Prozent Ergebnis zählt, nicht der Abschluss 30.000 bis 45.000 Euro + Provision
2 Erzieher / Kinderpfleger 50 bis 60 Prozent Extremer Personalmangel, staatlich geförderte Umschulung 28.000 bis 36.000 Euro
3 IT-Support / Helpdesk 45 bis 55 Prozent Niedrige Einstiegshürde, lernen on the job 28.000 bis 36.000 Euro
4 Immobilienmakler 40 bis 55 Prozent IHK-Schein reicht, Provision lockt 30.000 bis 50.000 Euro (stark provisionsabhängig)
5 Pflegehelfer / Pflegeassistenz 40 bis 50 Prozent Massiver Personalmangel, schnelle Ausbildung (1 Jahr) 24.000 bis 30.000 Euro
6 Social Media Manager 35 bis 45 Prozent Kein einheitlicher Ausbildungsweg, Portfolio zählt 30.000 bis 38.000 Euro
7 Fitnesstrainer / Personal Trainer 35 bis 45 Prozent Lizenz in wenigen Wochen machbar, Leidenschaft treibt 24.000 bis 36.000 Euro
8 Recruiter / HR 30 bis 40 Prozent Menschenkenntnis wichtiger als HR-Studium 34.000 bis 42.000 Euro
9 Content Creator / Online-Redakteur 30 bis 40 Prozent Schreiben kann man aus vielen Hintergründen 30.000 bis 40.000 Euro
10 Lkw-Fahrer / Berufskraftfahrer 30 bis 40 Prozent Führerschein reicht, extremer Fahrermangel 28.000 bis 38.000 Euro

Rang 1: Vertrieb und Sales

Der Beruf mit dem höchsten Quereinsteiger-Anteil in Deutschland. Und das hat einen einfachen Grund: Im Vertrieb zählt das Ergebnis. Wenn du verkaufst, ist es dem Arbeitgeber egal, ob du BWL studiert oder Philosophie gemacht hast. Oder ob du vorher Bäcker warst.

Was erfolgreiche Quereinsteiger im Vertrieb gemeinsam haben: Kommunikationsstärke, Ausdauer und die Fähigkeit, mit Ablehnung umzugehen. Das sind Soft Skills, die sich in jedem Beruf entwickeln lassen.

Das Gehalt im Vertrieb hat eine große Spanne, weil ein erheblicher Teil über Provisionen läuft. Ein Quereinsteiger im Innendienst startet bei 30.000 bis 36.000 Euro Grundgehalt. Mit guter Performance und Provision sind 50.000 bis 60.000 Euro im zweiten Jahr realistisch. Im technischen Vertrieb oder im B2B-Sales können es auch 70.000 Euro und mehr werden.

Der Einstieg: Viele Unternehmen bieten Quereinsteiger-Programme im Vertrieb an, mit strukturierter Einarbeitung und Mentoring. Suche auf Indeed nach “Quereinsteiger Vertrieb” oder “Sales Quereinsteiger”. Die Treffer sind zahlreich.

Rang 2: Erzieher und Kinderpfleger

Der Personalmangel in der Kinderbetreuung ist so gravierend, dass Länder und Kommunen aktiv Quereinsteiger-Programme aufgelegt haben. In vielen Bundesländern kannst du mit einer verkürzten Ausbildung (2 statt 3 Jahre) als Erzieher arbeiten, wenn du bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem anderen Feld hast.

Die Finanzierung ist meistens gesichert: Bildungsgutschein, Aufstiegs-BAföG oder direkte Förderung durch das Land. In Berlin, Bayern und NRW gibt es spezielle Quereinstiegsprogramme mit garantierter Übernahme.

Das Gehalt ist nicht berauschend (28.000 bis 36.000 Euro im TVöD), aber der Job ist krisensicher, gesellschaftlich wertvoll und bietet geregelte Arbeitszeiten.

Rang 3: IT-Support und Helpdesk

IT-Support ist das Tor zur Tech-Branche für Quereinsteiger. Du brauchst kein Informatikstudium, sondern technisches Verständnis, Geduld und die Fähigkeit, Probleme systematisch zu lösen. Viele erfolgreiche IT-Karrieren haben im First-Level-Support begonnen.

Was du brauchst: Grundkenntnisse in Windows, Netzwerken und Standard-Software. Ein CompTIA A+ Zertifikat (3 bis 6 Monate, 200 bis 400 Euro) öffnet dir die meisten Türen. Von dort aus kannst du dich in Richtung Systemadministration, Cloud Computing oder Cybersecurity weiterentwickeln, Bereiche die 50.000 bis 70.000 Euro zahlen.

Was die Berufe mit vielen Quereinsteigern gemeinsam haben

Wenn man sich die Top 10 anschaut, fallen drei Muster auf:

Muster 1: Ergebnis zählt mehr als Ausbildung. Vertrieb, Immobilien, Fitness, Content. In diesen Berufen kannst du deinen Wert sofort unter Beweis stellen. Wenn du verkaufst, Kunden gewinnst oder guten Content produzierst, ist dein Hintergrund egal.

Muster 2: Extremer Personalmangel erzwingt Öffnung. Erzieher, Pflege, Lkw-Fahrer. Diese Berufe haben nicht genug Nachwuchs aus den eigenen Reihen und müssen deshalb Quereinsteiger aktiv anwerben und fördern.

Muster 3: Niedrige formale Einstiegshürden. Kein fünfjähriges Studium nötig, oft reicht ein Zertifikat, eine Kurzausbildung oder ein Portfolio. Das macht den Wechsel finanziell und zeitlich machbar.

Für deine Planung: Wenn du über einen Quereinstieg nachdenkst, schau dir zuerst die Berufe an, die zu deinen bestehenden Stärken passen. Und dann prüfe, wie niedrig die Einstiegshürde tatsächlich ist. Oft ist sie niedriger als du denkst.

Finanzierung des Quereinstiegs

Förderung Was wird gefördert Für wen
Bildungsgutschein Bis 100% der Umschulungskosten + Lebensunterhalt Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit Bedrohte
Aufstiegs-BAföG Bis 15.000 Euro für Weiterbildungen mit Abschluss Alle mit Erstausbildung
Qualifizierungschancengesetz Weiterbildung während Beschäftigung Beschäftigte, deren Arbeitgeber zustimmt
Länderprogramme Spezielle Quereinstiegsprogramme (z.B. Erzieher) Je nach Bundesland unterschiedlich

64 Prozent der deutschen Unternehmen planen 2026, mehr Quereinsteiger einzustellen. Der Trend ist klar: Formale Qualifikationen verlieren an Bedeutung, praktische Skills und Soft Skills gewinnen. Für Quereinsteiger waren die Chancen selten so gut wie jetzt.

Rang 4 bis 6 im Detail: Die überraschenden Quereinsteiger-Berufe

Immobilienmakler: Der Beruf, den jeder machen kann, aber wenige gut machen

Immobilienmakler hat einen der niedrigsten formalen Einstiegshürden überhaupt. Du brauchst einen Gewerbeschein, eine Berufshaftpflichtversicherung und seit 2018 den Nachweis einer Sachkundeprüfung (IHK) oder 20 Stunden Weiterbildung alle drei Jahre. Das wars. Kein Studium, keine Ausbildung, kein Zertifikat im engeren Sinne.

Der Haken: Das Gehalt ist fast komplett provisionsbasiert. Im ersten Jahr verdienen viele Quereinsteiger wenig oder gar nichts, weil der Aufbau eines Kundenstamms Zeit braucht. Wer durchhält und ein Netzwerk aufbaut, kann aber sehr gut verdienen. Top-Makler in Großstädten wie München oder Frankfurt kommen auf sechsstellige Jahreseinkommen.

Was dich als Quereinsteiger hier erfolgreich macht: Verkaufstalent, lokale Marktkenntnisse, ein großes Netzwerk und Ausdauer. Viele der besten Makler kommen aus dem Handwerk, der Gastronomie oder dem Einzelhandel, Bereiche in denen Kundenkontakt und Verhandlungsgeschick zum Alltag gehören.

Pflegehelfer: Einstieg in eine Wachstumsbranche

Die Pflege ist die Branche mit dem akutesten Personalmangel in Deutschland. Und sie löst das Problem zunehmend durch Quereinsteiger-Programme. Als Pflegehelfer oder Pflegeassistent brauchst du keine dreijährige Ausbildung. Eine einjährige Kurzausbildung reicht, und die wird vom Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit komplett finanziert, inklusive Lebensunterhalt.

Das Einstiegsgehalt ist mit 24.000 bis 30.000 Euro nicht hoch. Aber die Jobsicherheit ist maximal. Du wirst in den nächsten 20 Jahren nicht arbeitslos. Und wer sich weiterqualifiziert, kann in die dreijährige Pflegefachausbildung einsteigen und danach 36.000 bis 42.000 Euro im TVöD verdienen.

Ein Punkt, der oft vergessen wird: Die Pflege bietet flexible Arbeitsmodelle. Teilzeit, Schichtarbeit die zu deinem Lebensrhythmus passt, Zeitarbeit mit übertariflicher Bezahlung. Für Menschen, die aus einem 9-to-5-Job kommen und etwas anderes suchen, kann die Pflege überraschend gut passen.

Social Media Manager: Der kreative Quereinsteiger-Beruf

Social Media Management ist einer der jüngsten Berufe auf der Liste und gleichzeitig einer mit dem höchsten Quereinsteiger-Anteil. Der Grund: Es gibt keinen einheitlichen Ausbildungsweg. Manche haben Kommunikation studiert, andere Germanistik, Psychologie oder gar nichts. Was zählt, ist das Portfolio und die Ergebnisse.

Für Quereinsteiger bedeutet das: Wenn du ein Auge für Trends hast, gut schreiben kannst und verstehst, wie soziale Netzwerke funktionieren, hast du echte Chancen. Baue ein eigenes Profil auf (Instagram, TikTok, LinkedIn), dokumentiere deine Ergebnisse und bewerbe dich damit. Viele Arbeitgeber sind von einem selbst aufgebauten Account mit 3.000 Followern mehr beeindruckt als von einem Marketing-Studium ohne Praxiserfahrung.

Die Quereinsteiger-Falle: Wann du vorsichtig sein solltest

Nicht jedes “Quereinsteiger willkommen” in einer Stellenanzeige meint es ernst. Manche Unternehmen nutzen das als Marketingfloskel, um mehr Bewerbungen zu bekommen, und sortieren dann doch nach Lebenslauf-Muster aus.

Drei Warnsignale, die ich als Karriereberaterin regelmäßig sehe:

Unrealistische Gehaltsversprechen: “Als Quereinsteiger 60.000 Euro im ersten Jahr” klingt gut, basiert aber meistens auf Provisionsmodellen, die in der Praxis nur die Top 10 Prozent erreichen. Frag im Vorstellungsgespräch nach dem tatsächlichen Durchschnittsgehalt der letzten 12 Monate, nicht nach dem theoretischen Maximum.

Kostenpflichtige Einstiegsprogramme: Wenn ein Arbeitgeber von dir Geld für eine “Ausbildung” oder “Zertifizierung” verlangt, bevor du anfangen darfst, ist extreme Vorsicht geboten. Seriöse Quereinsteiger-Programme werden vom Arbeitgeber bezahlt, nicht vom Bewerber.

Kein strukturiertes Onboarding: Ein guter Arbeitgeber für Quereinsteiger hat einen Plan, wie er dich einarbeitet. Wenn die Antwort auf “Wie sieht die Einarbeitung aus?” ist “Du springst einfach rein und lernst on the job”, dann heißt das meistens: Du bist auf dich alleine gestellt.

So bereitest du deinen Quereinstieg vor

Die erfolgreichen Quereinsteiger, die ich begleite, gehen alle nach einem ähnlichen Muster vor:

Erstens: Sie informieren sich gründlich über den Zielberuf. Nicht nur die Sonnenseiten, sondern auch die Realität. Was sind die tatsächlichen Arbeitszeiten? Wie hoch ist die Fluktuation? Was sagen aktuelle Mitarbeiter auf Kununu?

Zweitens: Sie bauen relevante Qualifikationen auf, bevor sie den Sprung wagen. Ein Google Ads Zertifikat, ein Coding-Kurs, ein Praktikum am Wochenende. Das kostet Zeit, gibt dir aber Sicherheit und stärkt deinen Lebenslauf.

Drittens: Sie vernetzen sich in der Zielbranche. LinkedIn-Kontakte aufbauen, Branchenevents besuchen, mit Menschen sprechen die den Wechsel schon gemacht haben. Das Netzwerk entscheidet oft darüber, ob du eine Chance bekommst oder nicht.

Häufige Fragen (FAQ)

In welchem Beruf gibt es die meisten Quereinsteiger?

Im Vertrieb. Geschätzt 60 bis 70 Prozent aller Vertriebler haben nicht Vertrieb studiert, sondern kommen aus anderen Berufen. Der Grund: Im Vertrieb zählt das Ergebnis, nicht der Abschluss.

Welcher Quereinsteiger-Beruf zahlt am besten?

Vertrieb (mit Provision bis 60.000+ Euro), IT nach Weiterbildung (40.000 bis 50.000 Euro) und Immobilienmakler (stark provisionsabhängig). Detaillierte Gehaltsinformationen findest du in unserer Gehalts-Übersicht.

Kann ich mit 40 oder 50 noch den Beruf wechseln?

Ja. In den meisten der gelisteten Berufe ist Lebenserfahrung ein Vorteil. Im Vertrieb, HR, Coaching und in der Erwachsenenbildung werden reifere Quereinsteiger sogar bevorzugt.

Brauche ich eine Umschulung für den Quereinstieg?

Nicht immer. Für Vertrieb, Social Media, Content und Fitness reichen oft Zertifikate und Praxiserfahrung. Für Erzieher, Pflege und Handwerk ist eine formale Ausbildung oder Umschulung Pflicht, wird aber gefördert.

Wie finde ich Quereinsteiger-Stellen?

Suche auf Indeed und Stepstone nach “Quereinsteiger” plus deinem Zielberuf. Viele Unternehmen nutzen das Wort aktiv in ihren Stellenanzeigen. Unsere Quereinsteiger-Übersicht listet weitere Möglichkeiten.